Let it be
Während ich über diesem Text hier brüte, summt einer in mir den Beatles-Song „Let it be“. Er wird immer lauter und irgendwann höre ich genauer hin und merke: Ja, da ist was dran! Einen Newsletter zu verfassen der authentisch, aber nicht nur negativ sein soll, ist nicht leicht, wenn so vieles nicht nach Plan läuft, Schwierigkeiten sich stapeln und das Mut-Barometer gefährlich fällt. Nun, ich werd´s versuchen. Let it be. Let it be.
Der berühmte Siebenschläfer (27. Juni) hat wirklich diesmal ernst gemacht und uns einen bisher unvergleichlichen siebenwöchigen Hitzesommer geliefert. Toll zum abendlichen draußen Sitzen im Garten, zum Chillen unterm Nussbaum wie die Saisongärtner oder für Arbeitsbesprechungen unterm blauen Himmel wie unsere Leitungsrunde.
Lediglich die von uns dazu bestellten regelmäßigen Regenwassermengen hat der Siebenschläfer vergessen auszuliefern – jedenfalls in unserem Wirkungsbereich. Sehr bedauerlich. Leider konnten wir so unsere Wasser-vorräte nicht ausreichend nachfüllen - die Vorratsbehälter sind leer, unser Lösch- und Brauchwasserteich sieht sehr mitgenommen aus, die Kröten sind verstummt und die Enten umgezogen. Wir mussten uns jeden Tag entscheiden, welche Kultur nun die Wassermenge des Tages (was wir über Nacht aus dem Brunnen ins System fördern konnten) bekommen sollte. Manchmal hat es nicht mal für eine Beregnungseinheit gereicht. Was nicht vertrocknet ist, wurde von den Tieren benötigt, für die unsere Salate, Bohnen & Co. vielleicht die Rettung waren. So trauern wir nun um nicht geborene Möhren und Pastinaken, vertrockneten Fenchel, viele gefressene, herausgezogene und vertrocknete Salate, Blumenkohl ohne Blume und einiges andere mehr. Geerntet haben wir trotzdem: Survivor, Überlebende einer krassen Stress-Situation mit vielfältigen Feinden - allerdings nicht mit den üblichen Erträgen (z.B. bei Tomaten, Gurken, Zucchini) und in Qualitäten, denen man den Überlebenskampf ansieht (z.B. Kohl, Kartoffeln, Kräuter, Salate). Let it be. Oder auf gut hessisch: Da machste nix.
Dinge wie das Wetter anzunehmen, die man nicht beeinflussen kann, ist schon die Königsklasse der Akzeptanz. Wir müssen nun versuchen, das Beste daraus zu machen und nicht den Kopf in den staubigen Acker zu stecken. Also: weiter pflanzen, säen, beregnen was geht, auf Regen hoffen. Und für die Zukunft: Da sind wir am Schauen, was wir evtl. vom Anbauplan streichen müssen, weil es mit den gegebenen Bedingungen auf unserem Betrieb nicht mehr wächst und welche Anbaumethoden evtl. besser funktionieren könnten. Wir sind außerdem auf Wassersuche gegangen. Wenn nichts von oben kommt, muss es von unten hochgeholt werden. Die Pumpe unseres frisch gebohrten Brunnens hängt 85 Meter tief. Die Strecke von ca. einem Kilometer vom Brunnen bis in unser Leitungssystem wird derzeit noch oberirdisch über Schlauchbrücken zurückgelegt, die wie Mahnmale in der Gemarkung stehen und jeden erinnern, dass genug Wasser zu haben, nicht selbstverständlich ist. Wir hoffen, dass wir mit diesem Brunnen dann besser aufgestellt sind für solche regenarmen, hitzigen Sommer. Wir werden sehen. Erstmal muss er nun ans Laufen gebracht werden, was leider nicht planmäßig verlaufen ist. Unsere ganzen Bemühungen und Hoffnungen liegen auf einem fruchtbaren Herbst und einer mega Feldsalat-Ernte im Winter.
Viele fragen uns, wie die Kartoffelernte wird. Im Netz kursieren schon unfassbare Gerüchte über die Kürzung der heißgeliebten Pommes unter 40mm Länge und mögliche Preissteigerungen. Ein Skandal, den wir nicht entkräften können, denn auch bei uns wird es eine sehr deutlich geringere Ausbeute als durchschnittlich geben. Es ist quasi der Wurm drin; genau genommen der Drahtwurm. Diese Genossen, sowie auch viele Mäuse, ernähren sich vom einzig feuchten, was sie gerade noch finden im Boden: unsere Kartoffeln. Viele sind sehr klein und werden schon beim Roden durch´s Sieb fallen, andere sind weich – wie gekocht von der Hitze, die nächsten bilden Zwiewuchs – neue Triebe aus den neuen Kartoffeln, was sie quasi traumatisiert und nicht lagerfähig zurücklässt. Schorf gibt’s auch, aber den kann man evtl. zumindest im Direktverkauf noch akzeptieren; im Handel leider nicht wirklich. Jedoch merken wir bisher als Produzenten nichts davon, dass sich an den Preisen etwas ändert. Wir werden ab sofort schon mit der Ernte der Lagerkartoffeln beginnen, weil sie einfach tagtäglich nur noch schlechter werden. Das war zwar auch nicht der Plan, aber hey,… let it be.
Was einigermaßen gut, naja, besser durchs heiße Leben gekommen ist, ist der in Wick-Roggen-Mulch gepflanzte Herbst- und Winterkohl. Dieses System hat sich jedenfalls zum wiederholten Male echt bewährt. Die Kürbisse haben bisher am besten abgeschnitten, vermutlich weil sie schon früh im Jahr direkt gesät worden sind. Wir ernten aktuell auch tollen, sehr süßen Zuckermais, wobei hiervon auch nicht unerhebliche Mengen in der wildschweinischen Feldküche verarbeitet wurden. Unsere blassgrünen Buschbohnen sind leider schon wieder zu Ende, weil sie in sieben von acht Sätzen verloren haben gegen Hitze, Trockenheit und Nilgänse.
Auf der regionalen Obstseite sieht es nicht rosig, aber auch nicht ganz schlecht aus. Unsere Kollegen ernten wenig bis gar nichts an Pfirsich und Birne, geringere Mengen Äpfel, aber für Zwetschgen, Mirabellen, Melonen, Trauben und Feigen war das Klima wohl okay bis prima. Insgesamt ist alles etwas weicher als gewünscht. Nun, die Vorstellung bei 35 Grad am Baum zu hängen, lässt mich auch weich werden. Let it be und lassen wir uns schmecken, was die hessischen Obstwiesen hergeben. Die Hoffnung bleibt, dass die Lage überregional mehr verspricht und die Wintervitamine uns sicher sind.
Eine in jedem Fall gute Nachricht: Wir haben wieder zwei Auszubildende! Felix ist im ersten Jahr zum Gärtner im Gemüsebau und Matthias im zweiten Jahr zum Landwirt. Wie gut, dass es noch junge Menschen mit Mut gibt 😊 Willkommen an Bord!
„And when the night is cloudy there is still a light that shines on me. Shinin' until tomorrow, let it be…“
… ein Licht gegen Ende diesen Sommers 2026 ist zu sehen und zu spüren, denn auch unsere Felder haben in den letzten Tagen endlich ein paar Literchen Regen abbekommen, die viele Pflanzen die wir für den Winter gesteckt haben erstmal versorgt haben. Nachts ist es nun deutlich kühler und viele Schädlinge wandern langsam in die Überwinterungsquartiere ab, was dem Gemüse und uns sehr gut gefällt.
Definitiv ist vieles herausfordernd, erdrückend und alles andere als ermutigend, dennoch wollen wir an unserem Auftrag weiter festhalten, ökologischen Landbau im hessischen Niederschlagsschattengebiet weiter voran zu treiben und setzen alles auf die eine Karte: Gottvertrauen.
Sie können uns und alle Kollegen weiter unterstützen, indem sie bei jedem ihrer Einkäufe auf die regionale Herkunft achten und unsere Produkte auch dann in ihre Küche lassen, wenn sie dezent gebeutelt daherkommen. Danke an die vielen Unterstützer unserer Arbeit, die das schon tun! Ihr rettet nicht nur wertvolle Lebensmittel, sondern auch die bäuerlichen Betriebe dahinter.
Wir feiern Erntedank… gerade weil in diesem besonderen Jahr keine Ernte selbstverständlich ist. Herzliche Einladung zum Erntedank-Gottesdienst der Christlichen Gemeinschaft Oberissigheim (www.cgois.de), der am 04. Oktober um 10.30 Uhr bei uns, An der Landwehr 6, in Bruchköbel, stattfindet. Danach gibt es für Jung und Alt an verschiedenen Stationen die Möglichkeit, sich u.a. mit Ernte & Dank zu beschäftigen. Es darf gerne Fingerfood für ein buntes Buffet mitgebracht werden. Wir nehmen auch haltbare Lebensmittelspenden für die Issigheimer Essensbank entgegen.
Heute finde ich diese Zeilen von Reinhold Niebuhr passend für uns und unsere Politiker und alle, denen es gefällt: „Ich wünsche mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, dass eine vom anderen zu unterscheiden.“
In diesem Sinne: Let it be!
Rebekka Zell für das Ackerlei-Team
P.S. … aber das LICHT war schön!